Als Neurologe mit jahrelanger Forschungserfahrung zu Gedächtnis und Gehirnfunktionen habe ich die Selbstbeobachtungen hoch kreativer Persönlichkeiten analysiert: bildende Künstler, Dichter, Romanschriftsteller, Musiker, Physiker, Mathematiker und visionäre Biologen. Ein roter Faden zieht sich durch ihre Berichte.
Was Kreativität wirklich bedeutet
Im Alltag assoziieren wir "kreativ sein" mit Neuem und Innovativem. Doch der Kern des kreativen Prozesses liegt nicht darin, etwas aus dem Nichts zu zaubern. Stattdessen entzündet sich der Funke durch plötzliche, unerwartete Verknüpfungen bestehender Elemente – eine Art geistige Alchemie.
Kreative Menschen beschreiben es so: Ideen "kombinieren sich spielerisch im Kopf", "stoßen zusammen, bis sie ineinandergreifen" oder werden "durch fast chemische Affinitäten zusammengezogen". Mein Favorit stammt vom Dichter Stephen Spender: eine "dunkle Wolke einer Idee, die zu einem Regen von Worten verdichtet werden muss".
Wie Wortassoziationen den kreativen Prozess greifen
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Psychologen entwickelten eine Aufgabe, die diesen Prozess einfängt. Nehmen Sie drei Wörter: Elefant, verfallen, lebendig. Welches vierte Wort verbindet sie? Die Lösung: Erinnerung. Oder: Ratte, blau, Ferienhaus? Richtig: Käse. Sobald die Verbindung klar wird, erlebt man den Aha-Moment.
Es gibt keinen linearen Pfad oder Formel. Die Lösung liegt im Kortex – Sie wissen, Ratten essen Käse, es gibt Blauschimmelkäse oder Hüttenkäse. Allein bei Ratte denkt man nicht primär an Käse, es sei denn, man ist Käseverkäufer oder Schädlingsbekämpfer. Als Gedächtnisexperte assoziiere ich Elefant, verfallen, lebendig sofort mit Erinnerung.
Doch starke, feste Assoziationen können Kreativität behindern. So verbinde ich das Seepferdchen (Hippocampus) unmittelbar mit "Gedächtnis".
Warum Vergessen die Kreativität beflügelt
Kreativität braucht bestehende Verknüpfungen – also Erinnerung –, doch sie müssen flexibel und spielerisch sein. Künstler tauchen in Visionen, Dichter in Worte, Wissenschaftler in Fakten ein. Die Großen zeichnen sich aus, weil ihre Assoziationen nicht erstarrt sind, sondern locker – wie Ton, nicht Stein.
Das klingt nach Vergessen. Tatsächlich belegen Studien: Lockere Assoziationen fördern Kreativität. Bei wiederholter Präsentation von Wortpaaren wie "blauer Himmel" oder "Ferienhaus" schnitten Probanden anfangs schlechter ab, besserten sich aber mit der Zeit – passend zur Vergessenskurve.
Noch überzeugender: Schlafstudien. Eine gute Nacht, besonders Träumen, steigert Kreativität messbar – nicht durch Erholung allein, sondern weil Schlaf Assoziationen lockert. Francis Cricks These bestätigt: Wir schlafen, um Alltags-Erinnerungen zu vergessen. So bleiben Verknüpfungen spielerisch und kreativ.
Auszug aus VERGESSEN, Copyright © 2021 von Scott Small. Verwendung mit Genehmigung von Crown, einem Imprint von Random House, einem Geschäftsbereich von Penguin Random House LLC, New York. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Auszugs darf ohne schriftliche Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder nachgedruckt werden.