Als Hospizarztin begegne ich vielen Patienten, die das Gefühl haben, kaum gelebt zu haben, wenn ich komme, um ihnen eine würdevolle Begleitung am Lebensende zu ermöglichen. Ich trete als Fremde in ihr Leben und Zuhause ein – gerade dann, wenn vertraute Rituale und Annehmlichkeiten am dringendsten gebraucht werden. Unsere Beziehung ist kurz, aber intensiv und einfühlsam.
Ich versichere meinen Patienten, dass es normal ist, den Begriff "Hospiz" zu fürchten. Ich höre zu, wenn sie von einer Tante erzählen, die trotz Hospiz unter starken Schmerzen starb, von der Angst, Hospiz bedeute, nichts mehr für den Vater zu tun, oder von der Sorge, die Pflege verkürze das Leben.
Was ist Hospizpflege wirklich?
Meine Aufgabe als Hospizarztin besteht darin, die Symptome ihrer Erkrankung zu erkennen und zu lindern. Gleichzeitig lerne ich Patienten und Angehörige kennen, um einzuschätzen, wie sie zurechtkommen. Ich stelle sicher, dass sie über die notwendigen Ressourcen verfügen – sei es für die Beerdigungsplanung oder den Umgang mit der überwältigenden Trauer.
Manche bitten mich, Familienfotos mit ihrem Handy zu machen – ich tue es gerne. Ich bete mit ihnen, wenn gewünscht. Ich höre Geschichten von ihrer Liebe, ihren Haustieren, Erfolgen und Reue. Auch denen, die nicht mehr sprechen können, schenke ich Aufmerksamkeit: Sie beruhigen sich, wenn ich ihre Hand halte oder ein Lied singe, das sie mochten. Das ist ebenso essenziell wie die Gabe von Medikamenten gegen Schmerz, Übelkeit, Unruhe oder Schlaflosigkeit.
Wie lange dauert Hospizpflege?
Technisch können Patienten bis zu sechs Monate in Hospizpflege bleiben. Doch viele, die ich sehe, versterben innerhalb weniger Tage oder Wochen und erleben die volle Unterstützung nicht. In den USA beträgt die durchschnittliche Verweildauer etwa 18 Tage. Diese Zahl hat mich als Stipendiatin schockiert – heute nicht mehr.
"Hospiz" steht oft für "Aufgeben" oder "Kampf verlieren". Deshalb wird es meist erst am allerletzten Ende angeboten. Manche Patienten sterben nur Stunden nach dem ersten Hospizgespräch. Ich unterschreibe dann ihre Sterbeurkunden, nachdem ich sie kaum kannte – ein Fremder bezeugt ihren Abschied.
Doch trotz allem: Wenn ich meine Arbeit gut mache, begegne ich nicht dem nahenden Tod, sondern der ganzen Kraft ihres Lebens.
Auszug aus That Good Night: Life and Medicine in the Eleventh Hour, herausgegeben von Penguin Books, einem Imprint der Penguin Publishing Group, einem Geschäftsbereich von Penguin Random House LLC. Copyright © 2019 von Sunita Puri.