NTDs steht für „Neglected Tropical Diseases“ – vernachlässigte Tropenkrankheiten, die von Medizin und Politik lange unterschätzt wurden. Als Expertennetzwerk mit Bezug zu WHO und Spezialisten wie Prof. Achim Hörauf erklären wir, warum diese Erkrankungen weit über tropische Regionen hinaus relevant werden.
Der Begriff umfasst rund 20 Krankheiten (nach WHO), die durch Viren, Bakterien, Parasiten, Pilze oder Toxine verursacht werden. Quellen wie das Deutsche Netzwerk für Vernachlässigte Tropenkrankheiten (DNTDs) schätzen 1,7 Milliarden Betroffene in 149 Ländern weltweit.
Die „Big Five“ der NTDs
Über 90 Prozent der Fälle entfallen auf fünf Hauptkrankheiten, die „Big Five“:
- Lymphatische Filariose: Führt zu Elephantiasis und schweren Behinderungen.
- Onchozerkose: Flussblindheit durch Kriebelmücke, verursacht Erblindung.
- Trachom: Bakterielle Infektion, unbehandelt blindmachend.
- Bilharziose: Wurminfektion, die Organe schädigt und Entwicklung behindert.
- Geohelminthen: Darmwürmer, die Blutarmut auslösen – riskant für Schwangere.
Wo treten NTDs auf?
Alle NTDs teilen zwei Merkmale:
- Sie grassieren vorwiegend in tropischen Ländern zwischen 23. nördlichem und südlichem Breitengrad, wo Wärme und Feuchtigkeit Überträger begünstigen (Prof. Achim Hörauf).
- Sie treffen ärmere Bevölkerungsschichten in Regionen ohne sauberes Wasser, Sanitär oder Gesundheitsversorgung (WHO).
Diese Faktoren erklären die Vernachlässigung auf mehreren Ebenen.
Warum werden NTDs vernachlässigt?
Trotz hoher Prävalenz fehlt öffentliche, politische und forschungsbezogene Aufmerksamkeit. Prof. Hörauf identifiziert drei Ebenen:
- Öffentliche Wahrnehmung: Betroffen sind arme Regionen im Globalen Süden ohne Lobby.
- Forschung: Weniger Fördermittel als bei Malaria.
- Reise-Risiko: Nur Langzeitaufenthalte gefährden, selten Touristen.
Reiche Nationen investieren daher wenig, doch Fortschritte gibt es: Londoner Deklaration und WHO-Roadmap.
Maßnahmen gegen NTDs
Bekämpfung erfordert bessere Hygiene, Sanitär und Gesundheitssysteme. Die 2012er London Declaration zielte bis 2020 auf Elimination ab – 42 Länder schafften es, wenngleich Kritik an einseitigem Fokus blieb.
Die WHO-Roadmap 2021–2030 setzt ambitionierte Ziele:
- 90 % Reduktion der Betroffenen.
- Ausrottung von mindestens zwei NTDs.
- Elimination einer NTD in 100 Ländern.
- 75 % weniger krankheitsbedingte Lebensjahre (DALYs).
NTDs und Klimawandel
Die Klimakrise erweitert Verbreitungsgebiete. Prof. Hörauf warnt: Wärmere Temperaturen begünstigen Mücken und Parasiten. Dengue-Fälle in Europa und Bilharziose auf Korsika zeigen: NTDs werden global. Forschung muss priorisieren.