Warmes Wetter lockt Zecken an – und mit ihnen die Lyme-Borreliose, die am schnellsten zunehmende vektorübertragene Krankheit in den USA. Jährlich werden rund 476.000 Amerikaner diagnostiziert und behandelt. Diese Zahl motiviert viele, vor dem Wandern Hosen in die Socken zu stecken.
Obwohl Lyme-Borreliose endlich als ernsthafte Gesundheitsbedrohung anerkannt wird, die bei unbehandelter Form zu chronischen Symptomen führen kann, fehlt eine zuverlässige Prävention. Außer dem Vermeiden von winzigen Zeckenbissen gibt es keine gute Option. Deshalb fragen sich viele jedes Frühjahr und Sommer: Warum gibt es keinen Lyme-Impfstoff? Ihr Hund kann geimpft werden – warum nicht Sie?
Die Antwort ist komplex: Es gab einmal einen Impfstoff namens LYMErix, der vor rund 20 Jahren kurz verfügbar war, aber wegen Nebenwirkungsbedenken zurückgezogen wurde. Nun arbeiten Forscherteams an zwei präventiven Ansätzen: einem neuen Borreliose-Impfstoff und einer Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die in zwei bis vier Jahren verfügbar sein könnten.
Sollten wir optimistisch sein? Klinische Studien laufen, doch Skepsis bleibt, bis mehr Daten vorliegen. Hier tauchen wir in die umstrittene Geschichte der Lyme-Impfstoffe ein und beleuchten die neuen Entwicklungen.
Aufstieg und Fall des ersten Borreliose-Impfstoffs
1998 führte SmithKline Beecham (heute GlaxoSmithKline) LYMErix ein. Dieser dreidosisige Impfstoff war zu etwa 76 % wirksam gegen Borrelia burgdorferi, das korkenzieherförmige Spirochäten-Bakterium, das Lyme-Borreliose auslöst. Er war für Personen von 15 bis 70 Jahren in Hochrisikogebieten gedacht.
LYMErix stimulierte das Immunsystem, Antikörper gegen das äußere Oberflächenprotein A (OspA) der Bakterien zu bilden. Bei einem Zeckenbiss nahmen die Antikörper über das Blut den Weg in den Zecken-Darm und töteten die Borrelien, bevor sie übertragen werden konnten.
Probleme traten bald auf: Berichte über schwere Nebenwirkungen wie Arthritis, neurologische und kognitive Symptome häuften sich. 1999 klagten 121 Geimpfte gegen SmithKline Beecham und forderten Warnhinweise vor genetisch bedingter Autoimmunarthritis.
Lyme-Borreliose kann selbst Arthritis auslösen, was die Vorwürfe komplizierte. Der Impfstoff enthielt keine lebenden Bakterien, doch Forscher entdeckten, dass Personen mit HLA-DR4+-Genvariante nach Infektion häufiger Arthritis entwickelten und autoimmun reagieren konnten. Dies weckte Zweifel an LYMErix.
2001 urteilte ein FDA-Gremium jedoch: Keine ausreichenden Beweise für Impfstoff-bedingte Arthritis. Von 1,4 Millionen Dosen meldete VAERS nur 59 Arthritis-Fälle – vergleichbar mit Ungeimpften. Dennoch zog SmithKline Beecham 2002 den Impfstoff zurück, offiziell wegen geringer Nachfrage durch negative Medienberichte.
Die Debatte um LYMErix-Sicherheit hält an. Für einige war es ein Verlust für die Prävention; andere zweifeln an Langzeitdaten. Dr. Steven Phillips berichtet in seinem Buch Chronic: The Hidden Cause of the Autoimmune Pandemic and How To Get Healthy Again von Patienten mit anhaltenden Beschwerden nach fast 20 Jahren.
Zwei neue präventive Lyme-Ansätze in Entwicklung
Seit 2021 gibt es Fortschritte: Ein neuer Impfstoff und eine PrEP-Spritze, die Ähnlichkeiten und Unterschiede zu LYMErix zeigen. Es ist zu früh für Urteile, doch hier die Fakten.
Der VLA15-Impfstoff
VLA15, entwickelt von Valneva mit Pfizer, ist der einzige Lyme-Impfstoff in klinischer Entwicklung mit FDA-Fast-Track-Status. Wie LYMErix zielt er auf OspA ab und tötet Borrelien in der Zecke.
Im Gegensatz zu LYMErix deckt VLA15 sechs Borrelia-Stämme ab (nicht nur B. burgdorferi). "Das macht ihn gegen 98 % der Lyme-Fälle wirksam", erklärt Dr. Purvi Parikh, Immunologin an der NYU Grossman School of Medicine.
Phase-2-Studien zeigen gute Immunantwort und Sicherheit bei Erwachsenen und Vorbelasteten. Kinderstudien (5–17 Jahre) folgen. Wirksamkeit und Dauer klären Phase-3-Studien. Valneva plant Zulassung bis 2025.
Die Lyme-PrEP-Spritze
Lyme PrEP von Dr. Mark Klempner (University of Massachusetts) injiziert fertige Anti-Borrelien-Antikörper für sofortigen Schutz. Sie wirken wie beim Impfstoff im Zecken-Darm.
Phase-1-Studien zur Sicherheit und Antikörperdauer laufen seit Februar. Wirksamkeitstests könnten 2022 starten, Verfügbarkeit 2023 möglich.
Welcher Ansatz ist besser?
Ohne vollständige Daten unsicher. PrEP könnte nebenwirkungsärmer sein, da es einen gezielten Antikörper nutzt, erklärt Klempner basierend auf LYMErix-Daten. "Ideal für Hochrisikogruppe oder Immunschwache", sagt Parikh.
PrEP bietet saisonalen Schutz (jährliche Injektion), Impfstoffe langfristiges Immun-Gedächtnis.
Was Experten sagen
Dr. William Rawls warnt vor Autoimmunrisiken ähnlich LYMErix: "Abwarten und beobachten." Dr. Raphael Kellman sieht Potenzial für Risikogebiete, nicht als Allheilmittel.
Wichtig: Zecken übertragen Co-Infektionen (Babesien, Bartonellen etc.). "Impfstoffe schützen nicht davor", betont Rawls. Phillips warnt vor falschem Sicherheitsgefühl.
Fazit
Die Lyme-Impfstoff-Geschichte ist nuanciert. VLA15 und PrEP bringen nach 20 Jahren Hoffnung. Bis dahin: Zeckenkontrolle, schnelle Behandlung, gesunde Ernährung, Sport und Schlaf stärken die Abwehr.