
Von Jonathan L. Zecher, Forschungsstipendiat an der Australian Catholic University.
In Zeiten erneuter Lockdowns und eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten fehlen die Fotos von hausgemachtem Sauerteig. Zoom-Partys wirken abgenutzt, Netflix-Serien wiederholen sich. Die Nachrichten werden täglich düsterer, doch wir scrollen unermüdlich hindurch.
Soziale Medien lenken uns ab, während Bücherregale unberührt bleiben. Wir sehnen uns nach Ausgehen, finden aber keine Zeit. Gelangweilt, lustlos, ängstlich, unsicher – was ist das für ein Gefühl?
Der Mönch und Theologe John Cassian beschrieb im frühen 5. Jahrhundert das altgriechische Konzept der Acedia. Ein von ihr erfasster Geist ist „entsetzt über seinen Aufenthaltsort, abgestoßen von seinem Zimmer … Er kann weder still in seiner Zelle bleiben noch sich dem Lesen widmen.“ Klingt das nicht erschreckend vertraut? Dieser präzise Name für unseren Zustand ging mit der Zeit verloren.
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Der Mittagsdämon
Etymologisch leitet sich Acedia vom griechischen a- (Negativpräfix) und kêdos („Sorge, Trauer“) ab. Sie ähnelt Apathie, ist jedoch ungleich komplexer und beunruhigender, wie Cassians Schilderung zeigt.
Frühe Christen wie Cassian nannten Acedia den „Mittagsdämon“ oder einen „Gedankengang“. Sie betraf vor allem einsame Wüstenväter, nicht Städter oder Gemeindemönche. Aus der Isolation entsteht eine Mischung aus Lethargie, zielloser Angst und Konzentrationsmangel – das Paradoxon der Acedia.
Evagrius Ponticus zählte sie zu den acht „Gedankengängen“, die fromme Christen besiegen mussten. Acedia war die heimtückischste, die erst nach Überwindung von Völlerei, Unzucht, Geiz, Traurigkeit, Zorn, Eitelkeit und Hochmut zuschlug.

Cassian, Evagrius’ Schüler, übersetzte die Liste ins Lateinische. Im 6. Jahrhundert wurde sie zu den Sieben Todsünden; Acedia floss in „Trägheit“ ein, die wir heute mit Faulheit gleichsetzen.
Acedia durchzieht mittelalterliche klösterliche Literatur, byzantinische Texte, medizinische Lexika und Predigten. 1607 tauchte sie erstmals gedruckt im Englischen auf, beschreibt geistige Lustlosigkeit – doch heute ist sie fast vergessen.
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Wie die Wüstenväter vorgehen
Die moderne Psychologie hat Begriffe wie „Melancholie“ archaisch gemacht. Emotionen wandeln sich kulturell: Sie bündeln Körpergefühle, Gedanken und soziale Kontexte.
Mit dem Verlust theologischer Einflüsse verschwand Acedia aus dem Alltagswortschatz. Doch Pandemie-Lockdowns schaffen ähnliche Bedingungen wie bei Wüstenvätern: Soziale Medien fluten mit Nachrichten, Distanzierung trennt physisch, Homeoffice stört Routinen.
Zeit, Acedia zurückzuholen.

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Mehr als ein Wort
Die Rückkehr von Acedia hilft doppelt: Erstens trennt sie Lockdown-induzierte Lustlosigkeit von Depression oder Angst – „Ich fühle Acedia“ legitimiert es ohne Schuldgefühle.
Zweitens mildert Benennen emotionales Alleinsein. Geteilte Namen ermöglichen Austausch und Regulation. Neue Wortschätze stärken unser emotionales Repertoire.
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Während wir wie Cassians Mönche durch die „dunkle Teezeit der Seele“ waten, nennen wir es Acedia – nun Teil unseres emotionalen Arsenals.
Jonathan L. Zecher, Forschungsstipendiat, Australian Catholic University.
Dieser Artikel wurde von The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz übernommen. Originalartikel.